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Der Umbruch

Autor: Unbekannt

Wahre Geschichte aus der UdSSR (Sowjetunion)

Sehr spannende Kurzgeschichte!

Geweckt wurde Richard vom Lachen einiger Jugendlicher. Draußen war es schon ganz hell. Es begann ein neuer Tag. Die Sonne erhob sich am Horizont und durchflutete mit ihrem hellen Licht den ganzen Waggon. Im Gang stand eine Gruppe junger Männer und Frauen, die Ursache für Richards plötzliches Aufwachen.

“Sagen Sie, sind diese Plätze frei? Stören wir Sie auch nicht?”, fragte ihn einer der Jugendlichen. In der Hand hielt er eine Gitarre.

“Ist frei!”, antwortete der in seinem Schlaf gestörte Richard und wandte sich mit einem gleichgültigen Ausdruck zum Fenster. Die Jugendgruppe erwies sich als sehr zahlreich. Die Mädchen besetzten die freien Plätze. Die Jungs blieben im Gang stehen. Alle waren bei bester Laune, sie machten Spaß, lachten, und dabei war ihren Stimmen etwas Besonderes, nicht Alltägliches, zu entnehmen. Worüber sie sprachen, klang etwas ungewöhnlich. Ihr Leben schien zu sprudeln, wie eine Quelle, es strömte förmlich heraus.

“Komische Vögel, die haben das Leben noch nicht geschmeckt.” dachte der Schaffner,

Die Jugendlichen schienen aber nicht so düster drein zu schauen. Der mit der Gitarre fragte plötzlich:

“Entschuldigung, Sie haben doch nichts dagegen, wenn wir ein schönes Lied singen, oder?”

“Was geht mich das an”, gab Richard kurz zurück, “singt, solange ihr noch singen könnt!”

Die Mädchen rückten zusammen, und der Sprecher mit der Gitarre setzte sich neben Richard.

“Und, was singen wir denn?”, fragte er in die Runde.

“Laßt uns: Der Weg! singen”, meldete sich ein Mädchen. Die anderen unterstützten sie. Der Gitarrist zupfte an den Saiten.

“Es sind alles Schauspieler, oder so eine Werbegruppe. Aber, wofür werben die?”, so dachte sich Richard seinen Teil, während die Gruppe sang.

Der junge Mann, mit der Gitarre, vollzog ein kunstvolles Zwischenspiel.

Die Stimmen verstummten. Der letzte Ton der Gitarre verklang. “Ein schönes Lied” dachte der einsame Fahrgast Richard, “Schade, es ist so kurz.”

Es wurde still. Nur aus dem benachbarten Abteil konnte man Stimmen hören. Jemand schien unzufrieden zu sein.

“Na, ihr Schauspieler, macht ihr nicht weiter? Singt doch!”, meldete sich völlig unerwartet Richard. Die Jugendlichen bewegten sich wieder und einige schickten sich an, ein weiteres Lied zu finden. Der eine schlug das eine, der andere ein anderes vor.

“Tatsächlich, ihre Lieder sind alle so komisch. Wie die schon heißen: “Christ, trage dein wunderbares Licht”,oder “Christus – Hoffnung der Herzen”, oder dies: “Ich höre den Ruf der Liebe” und “Das Leben ist uns gegeben”…, so überlegte währenddessen unser Freund. Endlich einigte man sich auf eines der Lieder. Die Gitarre erklang, und die Jugendlichen sangen.

Noch klangen die letzten Töne, des Liedes, als im Abteil nebenan ein böses Schimpfen hörbar wurde. Zwei junge Männer, die schon am frühen Morgen ins Glas geschaut hatten (oder besser gesagt: die seit gestern noch im Rausch waren), machten sich schimpfend und fluchend auf den Weg zu den Sängern,

“Hey, aufhören mit dem Konzert, verdammte Baptisten! Sonst mach ich aus euch… Schaffner, hol sofort die Miliz! Die hier müssen mitgenommen werden. Schau, wie frech die sind! Ich zeig euch gleich…!” Die Sänger wußten nicht, wie ihnen geschah. Ob sie wohl Angst bekommen hatten? Jedenfalls standen und saßen sie da, ohne daß sich einer auch nur bewegte. Es ergab sich eine äußerst peinliche Pause.

Plötzlich huschte vom Fenster zur Tür ein Schatten, ergriff die Betrunkenen und stopfte sie rückwärts aus dem Abteil. Das war kein anderer als der schweigsame Richard. Der Anblick der Gotteslästerer, die bereit waren, diese Jugendlichen zu verprügeln, machte ihn wahnsinnig. Mit beiden Händen schnappte er sich einen der Spötter, quetschte ihn im Gang ans Fenster und brüllte ihn an:

“Was quasselst du hier rum, du Teufelssohn! Wenn du nicht sofort deine Klappe hältst und mit deinem Flaschenbruder verschwindest, mache ich dich zu Hackfleisch, ich lasse dir die Luft raus!..”

Das Ganze geschah so plötzlich, so blitzschnell, daß die Umherstehenden gar nicht begriffen, was wirklich los war. Der Betrunkene schien sofort nüchtern geworden zu sein. Die neue Realität versetzte ihm so einen Schrecken, daß er fast anfing zu heulen. Dies konnte er sich allerdings verkneifen. Stattdessen stammelte er sowas wie eine Entschuldigung vor sich her: “Hör doch, Junge, du… du… tut mir leid. Hättest ja gleich was sagen können… Tschuldigung, ich gehe schon…”

Richard schien diese Umkehr zu akzeptieren, kommentierte sie mit den Worten: “Verschwinde, du Dreckskerl!” und schleuderte den völlig verdatterten Helden zum Ausgang. Nur mit Mühe konnte dieser sich festhalten.

Ohne sich umzuschauen verkrümelte er sich ans Ende des Waggons. Auch sein Freund war plötzlich nicht mehr da. Ob er plötzlich mal mußte, oder ob er sich entschlossen hatte, die “Unterredung” nicht zu stören, jedenfalls war er spurlos verschwunden. Nachdem Richard die “Belehrungen” beendet hatte, ging er zurück zum Fenster, setzte sich auf seinen Platz und versank im Blick auf die vorbeischwebende Schönheit unseres russischen Landes.

Im Abteil wurde es ganz still… Nur das gleichmäßige, dumpfe Geräusch der Gleise störte diese Stille. Immer weiter und weiter entfernte sich der Zug von Moskau.

Endlich wurde das Schweigen gebrochen: “Was seid ihr denn so still? Singt doch, das klingt so schön.”

Der junge Mann mit der Gitarre meldete sich halblaut: “Hör mal, Freund, vielleicht wäre es so nicht nötig gewesen…”

“Ach was, so ein Schakal! Solche habe ich erdrückt und werde sie auch weiter erdrücken!”

“Hast recht, schon, aber das kann noch mehr Schwierigkeiten geben, und begriffen hat der andere trotzdem nichts! Böses kann man nicht mit Bösem heilen.”

“Okay, aber wenn schon nicht heilen, dann eben so was ähnliches. Soll ich etwa vor dieser Fäulnis Angst haben? Die kriegen’s von mir, volle Kanne! Siehst du, die haben’s begriffen. Und ziemlich plötzlich!”

Ohne daß man es merkte, war man im Gespräch. “Wie heißt du?” – fragte der Gitarrenspieler. “Richard”

“Ich heiße Dima. Du hast bestimmt schon gemerkt, wir sind Gläubige, kommen von einem Besuch.”
“Was heißt hier “Besuch’, ich verstehe nicht”

“Tja, wie soll ich es dir erklären… Wir haben jemanden besucht. Bei Gläubigen in einer anderen Stadt waren wir. Ich komme aus Odessa. Ich habe gerade Urlaub, so bin ich mit meinen Freunden nach Brjansk gefahren. ‘Ne tolle Gemeinschaft hatten wir! Die haben ein Leben in sich! Aufgeweckt sind die, begeistert!.. Ein Saitenorchester haben die, ne Wucht ist das! Dann die Chöre: der Männerchor, der Jugendchor und noch ein großer… Und das Wichtigste: die geistliche Gemeinschaft, die Liebe, die Bruderschaft unter ihnen!..”

“Ich verstehe nicht, worüber du redest. Du sprichst von Gläubigen, Heiligen – ich hab’ noch nie jemanden mit einer Gitarre in der Kirche gesehen…”

“Das ist in der Orthodoxen Kirche so. Dort trifft man ja auch keine Jugendlichen an. Wir sind nicht orthodox, ganz einfach Christen. Im Volksmund sind wir als Baptisten bekannt.”

“Jetzt ist mir alles klar. Singt doch noch was, singt!..”

Dima zupfte seine Gitarre, und zwei Mädchen sangen zärtlich und rührend ein Lied. Richard achtete aufmerksam auf den Text und sagte, als sie fertig waren:

“Ihr singt nicht schlecht, aber irgendwie ist in euren Liedern alles zu schön: alle sind zufrieden, alle lachen… So ist es doch gar nicht im Leben! Soll ich mal was singen, das klingt zwar nicht so toll, ist aber aus dem Leben! Ich bin kein Schauspieler…”
Dima reichte ihm die Gitarre. “Komm, sing mal!”

Mit ungeübter Bewegung ergriff Richard die Gitarre, spielte einige Töne und sang, heiser, aber von Herzen.

Man spürte, wie das Lied die Zuhörer erreichte. Vor ihren Augen erhob sich das ganze Elend des menschlichen Daseins, das Los einer Halbwaise. Alle hörten aufmerksam zu. Selbst das Atmen, so hatte man den Eindruck, hatten sie eingestellt. Während Richard weitersang, wischte sich ein Mädchen die Tränen. Seine Stimme war aber nicht mehr so fest, sie zitterte vor innerer Erregung. Ja, dies war ein Lied, das das Leben geschrieben hatte. Nicht zufällig sang er es.

Die letzten Worte schaffte er nicht mehr. Ruckartig gab er die Gitarre zurück, drehte sich weg zum Fenster und versteckte sein Gesicht. Es war ein Lied, rührend, aus dem Leben!

Wieviele Tränen gibt es auf dieser Welt! Oft gehen wir vorbei, ohne sie zu bemerken. An unserer Seite wird herzzerreißend gelitten, und wir merken es nicht! Wie ist das möglich?

Ein seltsames Schweigen füllte lange das Abteil. Nur langsam kehrte neue Bewegung ein. Zuerst flüsterte jemand, bald aber redete man wieder, und schon erklangen die Töne der Gitarre. Ein neues Lied wurde angestimmt. Dima wollte aber nicht singen. Er rückte näher an den seltsamen Mitreisenden heran.

“Tschuldigung, Richard, das Lied, es hat bestimmt eine Beziehung zu dir, oder?”

“Indirekt”, antwortete der Mann, ohne sich umzudrehen.

“Ich möchte mit dir darüber reden. Ich kenne dieses Lied. Schwer hatte ich es damals… Neunzehn Jahre lang lebte ich gottlos. Ich weiß, was es heißt, ohne Jesus zu leben.”

“Und ich dachte, man hätte dich schon als Kind vorprogrammiert…”

“Nee, so war das nicht. Manche werden zum Glauben erzogen, ich nicht. Mich kann auch niemand zwingen. Wozu auch? Ein unfreiwilliger Beter?.. Mit Zwang erreicht man nichts!”

“Ja ja, wem schon in der Kindheit Gott eingeflößt wird, geht bestimmt irgendwann ins Kloster, der ist heilig…”

Dima widersprach: “So einfach ist das nicht. Christsein bedeutet doch nicht, ins Kirchenverzeichnis aufgenommen zu werden. Es ist auch anders, als nur einen Ritus zu erfüllen, Taufe oder sowas. Nein! Christsein bedeutet wesentlich mehr! Wenn ein Mensch gläubig wird, dann gehen ihm die Augen auf, seine inneren Augen. Er begegnet Gott. Er wird neu geboren. Er fängt ein neues Leben an. Das ist mehr als eine Verschiebung der Werte. Stell dir doch mal ein Küken im Ei vor. Es lebt schon, es piepst und schaut umher. Es reißt die Augen auf und sieht nur die Schale. Was anderes kennt es nicht. Hat’s nie gesehen. Und dann bricht die Schale. Das Küken sieht plötzlich eine ganze Welt, eine echte Welt, überflutet mit allen Farben des Regenbogens! Es sieht den grenzenlosen Himmel, die Sonne, den Wald, den Fluß. Kurzum, eine echte Welt! So stelle ich mir das vor, zum ersten Mal die Welt zu sehen, diese wahnsinnig große Welt Gottes!… Das arme Küken aber dachte, die ganze Welt ist nicht mehr als die enge Eierschale… So etwa erlebt ein Mensch die Begegnung mit Gott. Er wird sehend!”

“Willst du damit etwa sagen, daß ich blind bin? Weißt du, was ich mit meinen zweiunddreißig Jahren schon alles gesehen habe?..” – unterbrach ihn Richard mit Bitterkeit in der Stimme, ohne seinen Blick vom Fenster zu wenden.

Dima bemühte sich, die Verletzung zu heilen. “Richard, bitte, ich glaube, daß du schon vieles gesehen hast. Aber darüber rede ich gar nicht. Sag, hast du Gott schon mal gesehen?”

“Wer hat ihn schon mal gesehen? Du etwa?..” “Nicht nur ich, alle wahren Gläubigen sehen ihn.”

“Und, wie sieht er aus? Ist er alt oder jung?..”

Ein Lächeln überflog sein Gesicht. Das störte den jungen Christen aber nicht. Mit einer noch größeren Hingabe setzte er fort:
“Verstehst du, Gott ist groß, er ist wunderbar. Du fragst, ob er auch schön ist. Sogar sehr schön! Er ist wunderbar. Sogar Menschen werden wunderbar schön, wenn sie geliebt werden. Gott ist selbst die Liebe! Stell dir vor: dein Freund läßt für dich sein Leben, ist er schön? Was meinst du?..”

“Ist doch klar, bloß für mich hat keiner sein Leben gelassen! Ich bin selbst für andere draufgegangen. Niemand hat sich bereit erklärt, es für mich zu tun!..”

Dima unterbrach ihn:

“Hast du schon mal was über Jesus gehört?”

“Ist mir noch nicht vorgekommen. Nein. Als Kinder sind wir zur Kirche gegangen… Zu Ostern mußten wir das Kreuz schlagen. Das Ganze steht mir noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen. Der Herr ist auferstanden!, Wahrhaftig auferstanden!, haben wir einander zugerufen. Aber was das bedeutet, keine Ahnung! Ich habe keine Hochschule besucht.”

“Richard, du hast eben gesagt, für dich ist keiner hinter Stacheldraht gegangen. Das stimmt nicht!.. Für alle Menschen, für dich und für mich, ist Jesus, der Sohn Gottes, in den Tod gegangen. Man hat ihn geschlagen, man quälte ihn und brachte ihn um. Aber er ist wieder auferstanden. Deswegen gratulieren wir einander mit diesem Ruf: Der Herr ist auferstanden, Wahrhaftig auferstanden!”

“Woher willst du denn wissen, daß er für mich gestorben ist”

“Die Bibel sagt es, daß er für unsere Sünden gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Wenn du das verstehst und glaubst, dann beginnt für dich ein neues Leben. Es steht geschrieben: Das Himmelreich ist in euch!..”

Mit einiger Verwunderung sah Richard den jungen Mann an, der völlig in Ordnung und gebildet zu sein schien und dennoch so einfach und begeistert von seinem Gott erzählte. Wenn das, wovon er sprach, stimmte, dann mußte es auch möglich sein, das Leben neu anzufangen…

Wie oft hatte er, hinter Stacheldraht, erschöpft von der schweren Arbeit im Wald, davon geträumt, neu anfangen zu können…
Oft konnte er wegen dieser Träume nicht schlafen. Inzwischen waren so viele Jahre vergangen, aber dieses neue Leben war ausgeblieben. Weder bei sich, noch bei anderen hatte er es feststellen können. Als junger Mann hatte er versucht, wenn schon nicht ein ganz neues, so doch wenigstens eins im gesetzlichen Rahmen zu führen. Zwecklos! Er kam in den Knast, und dann noch einmal und noch einmal… Wie kann er denn jetzt glauben? “Das Gerede des jungen Mannes könnte man eigentlich als Märchen abtun, wenn nicht die Gewißheit wäre, mit der er darüber sprach. Ja, und die anderen, die scheinen auch völlig überzeugt zu sein. Die sind auch ganz göttlich…” – so dachte Richard vor sich hin.

Lange redeten sie noch miteinander. Den ganzen Weg. Nun aber machten sich Dimas Freunde bereit zum Ausstieg. Dima reichte seinem neuen Bekannten einen Zettel:

“Hier, Richard, ist meine Privatadresse. Komm doch mal vorbei. Oder schreib einfach. Ich werde mich freuen.”

“Okay, mal sehen. Danke dir. Bist ganz in Ordnung. Schade, daß wir uns nicht schon früher kennengelernt haben. Jetzt ist es für mich zu spät, an ein neues Leben zu denken. Mit mir ist es vorbei…”

“Hör auf, Richard! Denk nicht so! Also schreib mal. Ich werde drauf warten. Tschüß!””

“Okay”

Ja, die Wege des Lebens… Wieviele davon sind Menschen gegangen, und jeder hatte seinen eigenen Weg, seinen eigenen Pfad.

Manchmal kreuzen sie sich. Dann kommt es zu Begegnungen, manchmal zu angenehmen, manchmal zu weniger angenehmen. An sie erinnert man sich mit Freude, oder aber mit Schmerz. Häufig aber erinnert man sich an solche Begegnungen gar nicht. Allerdings sollten wir daran denken, daß unsere Begegnungen an uns nicht spurlos vorübergehen. Wir alle hinterlassen im Herzen des anderen, dem wir begegnen, Spuren. Deswegen, lieber Erdenmensch, sei vorsichtig. Hinterlaß im Schicksal eines anderen keine unnötige Spur, zertrample niemanden ungeachtet. Dich umgeben lebendige Menschen, unsterbliche Seelen!..

Möglicherweise hatte Dima nicht daran gedacht, daß die Begegnung und das Gespräch im Zug noch irgendwelche Folgen haben würden.. | Inzwischen waren etwa zwei Wochen vergangen. Oft dachte Dima an Richard, dessen Schicksal so zerstört war. Er betete für die Erweckung vieler seiner Freunde, auch der Name “Richard” erschien auf seiner Gebetsliste. Das Leben ging aber seinen Lauf: Alltag, Alltag..

Eines Tages war er gerade dabei, sich nach der Arbeit frisch zu machen, als seine Mutter ihm zurief:

“Dima, was ist mit dem Brief hier? Brauchst du ihn nicht?”

“Was für ein Brief?”

“Hier, ist schon vorgestern angekommen, Hast du ihn nicht gesehen? Von irgendeinem Richard.”

“Von Richard? – ja gib doch her!”

“Wasch dich erst! Kommst an, wie gestochen. Dein Brief wird schon nicht wegkommen.”

“Gib doch her, bitte!..” Ohne sich abzutrocknen, fing Dima an zu lesen:

“Guten Tag, Dima. Ich weiß nicht, ob du dich an mich noch erinnerst. Ich habe nicht vergessen, worüber wir im Zug gesprochen haben. Wenn ich dir nicht egal bin, so komm doch mal zu mir. Letzter Termin 14. Juni Meine Anschrift ist auf dem Umschlag. Richard.”

“Mutti, welches Datum haben wir heute?”

“Der Vierzehnte.”

“Und wann ist der Brief angekommen???”

“Vorgestern. Was ist denn los?”

“Nichts” – sagte ihr Sohn halblaut und ließ sich langsam auf den Stuhl nieder. “Was ist jetzt zu tun?.. Nichts machen, das kommt nicht in Frage. Wenn Richard schon schreibt, dann ist es wichtig. Also muß man es schaffen! Aber wie? Mit dem Zug? Gibt es denn eine Verbindung dorthin? Und was, wenn ich Vaters ,”Lada” nehme? Ist zwar etwas weit, bestimmt fünfhundert Kilometer, aber…”

“Mutti, ist der Wagen zu Hause?”

“Ich glaub’ schon. Vater ist noch nicht von der Arbeit da. Willst du etwa weg?”
“Ja, gib mir doch bitte die Papiere und die Schlüssel.” “Ich habe sie nicht. Schau mal in Vaters Anzug nach.”

Zum Glück fand sich das Gesuchte. Dima ging ins Schlafzimmer, betete, nahm seine Bibel, etwas Geld und ging in die Garage. Mutter wurde unruhig:

“Wo willst du denn hin? Wieder zu deinem Freund Oleg? Ist was passiert?”

“Es ist nichts passiert. Aber ich muß weg! Ganz dringend! Sag Vater Bescheid.”

“Aber zum Abend bist du doch wieder da”

“Nein, ich werde auch nachts nicht kommen. Wenn ich zurückkomme, dann erzähle ich alles!”

“Na, sieh zu, Vater wird nicht begeistert sein!”

“Schon gut, ich bin weg, Tschüß!..”

Auf der Bundesstraße drückte Dima kräftiger aufs Gaspedal. Um rechtzeitig bei Richard zu sein, mußte er durchschnittlich 80 km in der Stunde fahren. Das war nicht wenig! Zu spät durfte er nicht kommen! “Wer weiß, was bei Richard los ist? Viel ist ihm über Gott, das neue Leben, über die Liebe Gottes gesagt worden. Möglicherweise steht das jetzt alles vor ihm. Vielleicht ist er verzweifelt und greift zum Strick?..” Bei diesem Gedanken drückte der rechte Fuß noch tiefer das Pedal durch. Der Schlaf verflog von selbst. Es ging auf Mitternacht zu, als Dima ca. zwanzig Kilometer von der angestrebten Stadt war. “Ich schaffe es!”, dachte er erleichtert. “Nur noch die entsprechende Straße um Mitternacht finden, aber im Vertrauen auf Gott wird auch das möglich sein…” Endlich stand er vor dem Tor des gesuchten Hauses. Die Zeit: zehn vor zwölf! Geschafft! Die Fenster des kleinen Hauses, das zurückgesetzt im Garten stand, waren hell erleuchtet. Man wartete also. Dima klopfte. Ein Hund bellte. Aus dem Haus trat ein Mann. Der Gang verriet es, es ist Richard!

Dima rief ihm zu: “Richard, ich bin es, Dima.”

“Hab’s mir schon gedacht. Ich mach auf. Hallo, sei gegrüßt. Hast es ja rechtzeitig geschafft. Oh, du bist mit der “Karre” da! Fahr doch auf den Hof.”

Zehn Minuten später saßen sie in der Küche am Tisch. Als das Abendessen zu Ende ging, wurde Richard nachdenklich. Man sah es ihm an, irgendwelche Gedanken beschäftigten ihn. Er schwieg. Auch Dima schwieg. So schien es zumindest. In seinem Herzen aber redete er mit Gott. In seinen Gedanken betete er. Er betete darum, daß Gott ihm Weisheit geben möge, wie er diesem Menschen mit so einer zerstörten Lebensgeschichte helfen könnte. Er betete darum, daß Gott Richards Herz und Gedanken aufschließen möge, daß der lebendige Glaube und das Hoffnungslicht in die Welt dieses Menschen einkehrten und er die Liebe Gottes begreifen könnte…
Ihm gegenüber saß Richard, versunken in seine Gedanken.

“Was hast du denn, Richard?”, unterbrach Dima endlich das Schweigen, “Was ist los?”

“Ja… wie soll ich es sagen? Sprich einfach, es wird dir gut tun, wenn du willst.”

“Sag mal, Dima, warum beichten die Leute in der Kirche?”

“Wahrscheinlich, um Vergebung zu bekommen.”

“Ich will keine Vergebung! Ich will mich einfach mal aussprechen. Ich denke oft an unser Gespräch im Zug. Die letzten zwei Wochen hatte ich das Empfinden, immer wieder mit dir zu reden. Ich habe Fragen gestellt, du hast geantwortet, erklärt… Ganz mystisch ist das Ganze… Ich hab’ auf dich gewartet. Und wie! Ich möchte dir mein Herz ausschütten, wie bei einer Beichte…”

“Du mußt es wissen. Ich brauche es nicht. Weder für die Zeitung noch aus Neugier. Nur eines wünsche ich mir: ich möchte dir helfen!”

“Ich weiß es, aber mir ist nicht mehr zu helfen! Laß mich jetzt reden. Du weißt doch, ich komme gerade aus dem Knast. Vier mal hab’ ich es hinter mir. Elf Jahre insgesamt. Als Junge fing ich damit an, und bis jetzt. Drei, vier Monate war ich draußen, und dann ging’s wieder rein…

Für andere bin ich gegangen. Aber für mich selbst auch. Bei einem Versorgungsunternehmer haben wir einmal ausgeräumt, Achtzigtausend auf einmal! Wir wußten, bei dem ist Kohle zu haben, aber finden konnten wir nichts! Alles haben wir durchgesucht, zwecklos! Mein Kumpel drehte durch: in der Küche fing er an, Gläser mit Eingemachtem auf den Boden zu schleudern. Und siehe da: unter den Nudeln ganze Bündel! Die Dinger waren nur oben drauf, eine ganz dünne Schicht… Wir hatten noch nicht alles verbraucht, als ich schon eingelocht wurde. Aber was soll’s? – Ähnliches kam häufig vor. Das ist aber nicht alles. Ein besonderer Fall läßt
mir keine Ruhe. Letztes Mal, da ließ ich mich gehen.

Verständlich: draußen wurde ich erwartet, einen Empfang hatte man vorbereitet. Das Leben rauschte wieder. Freunde hatte ich keine vernünftigen: alles Alkoholiker, Drogensüchtige, Diebe und, ist ja klar, Weiber… In einem Waldstück hatten wir uns amüsiert.
Endlich gingen wir los, nach Hause. Es war schon spät. Vor uns – das neue Stadtviertel, , “Faulbeerbaum” heiß es. Früher war da alles frei, jetzt hat man alles zugebaut. Ein Dutzend Hochhäuser hat man inzwischen hingestellt. Die Straßen hat man mit Asphalt gedeckt… Da kommt ein Bus an und bleibt stehen. Ein Mädchen steigt aus. Dunkel war es. Sie bekam offensichtlich Angst. Da kamen wir noch, sechs Mann, besoffen, durchgeraucht… Hast du schon mal solche gesehen, denen der Wahnsinn aus den Augen spricht? Ja, ja, der Wahnsinn..”

“Ja, ist mir bekannt.”

“Also. Als das Mädchen uns sah – da wollte sie zurück in den Bus. Aber es war zu spät. Der Fahrer hatte die Tür bereits geschlossen und fuhr los. Da rannte das Mädchen zu den Häusern. Uns stachelte das aber erst recht an.”

“Bleib stehen, Schätzchen, wo eilst du so spät hin?” Einer von uns bemerkte ihre Handtasche. Er riß sie ihr aus der Hand.

“Komm, laß mich ein bißchen auf dich aufpassen, Süße. Oh, das Schwesterchen hat es so schwer mit der Tasche, ich helfe ihr …!”

Jemand umarmte sie. Sie biß um sich, schrie, zappelte, was uns aber noch mehr anspornte. Lange hatten wir mit ihr unser Vergnügen. Als wir es satt hatten, warfen wir sie in den Graben und gingen fort. Das Mädchen aber hatte sich noch nicht aufgegeben. Sie war mutig. Aus letzter Kraft richtete sie sich auf und fing an zu schreien:

“Hunde seid ihr! Verflucht sollt ihr werden, Hunde! Ich bringe euch alle hinter Gitter! Selbst unter der Erde finde ich euch! Ich habe euch alle gesehen, ich werde jeden wiedererkennen, ihr verdammten Tiere!..”

Als ich das hörte, war es, als ob der Teufel in mich fuhr. Ich drehte mich um, ging zu ihr zurück und hielt in der Jackentasche eine Rasierklinge, die mir von Vater noch geblieben war. Ich kam zu ihr. Die Angst war ihr ins Gesicht geschrieben.

“Du willst uns wiedererkennen, sagst du?.. Du wirst nie wieder einen Menschen erkennen!”, mit diesen Worten fuhr ich ihr mit der Klinge übers Gesicht. Über die Augen… Sie gab von sich einen fürchterlichen Schrei. Das Blut spritzte. Ich drehte mich um und eilte zu meinen Kumpeln.

Wir kamen unerkannt davon. Bis heute ist Ruhe… Das ist alles wie ein Traum… Ich habe es nie bereut, so als ob in meiner Brust ein Stein wäre.

Wenn ich mich an diesen Zwischenfall erinnerte, war ich nur froh, daß ich die Spuren sauber verwischt hatte. Mein Gewissen schlief. Nur nach dem Gespräch mit dir wachte es auf. Es wachte in mir auf und brannte, wie das Feuer der Hölle. Wie hatte ich ihr sowas antun können? Wie konnte ich bloß? Ich hab’ ihr doch das ganze Leben vermasselt. Was kann für ein Mädchen schlimmer sein, als so zu bleiben?.. Ihr wäre es wahrscheinlich lieber gewesen, ich hätte sie gleich umgebracht!.. Wie konnte ich bloß, ich Unmensch! Hängen sollte man mich, so ein Ungeheuer!”, Mit diesen Worten des Bedauerns für das Vergangene beendete Richard seine traurige Geschichte. Mit geschlossenen Augen saß er da, den Kopf in beide Hände gestützt.

“So beginnt die Hölle!” dachte Dima. “Wie groß wird die Gewissensnot all der Menschen sein, wenn sie rufen werden: Berge, fallet über uns. Ihr Hügel, bedeckt uns vor dem Angesicht Gottes!” Was sagt man so einem Menschen?.. Wie kann man ihm helfen?.. Ach Herr, hilf du mir!..”

Währenddessen saß Richard unbeweglich da. Die Augen hatte er noch immer geschlossen. Beim Licht der Birne, die an der Decke hing, merkte Dima auf seinen Wangen zwei glänzende Spuren. Das waren Tränen, Richard weinte. Wie konnte er ihm helfen?..

“Richard”, sagte Dima, “in der Bibel wird gesagt, daß die ganze Welt im Argen liegt. Ohne Gott hast du in Sünden gelebt. Alle Menschen leben so.”

“Was sagst du? Alle leben so? Erschießen muß man sie alle! Tiere sind das! Ich darf nicht weiterleben, verstehst du? Ich habe kein Recht darauf! Sieh dich doch um, ich bin allein hier. Meine Mutter hat man vor kurzem beerdigt. Ich habe sie ins Grab gebracht! Dabei hätte sie noch so lange leben können! So ein Ungeheuer bin ich!.. Du sagst: alle leben so…”

“Richard, du verstehst mich falsch. Jeder lebt sein Leben, aber alle sind Sünder! Es gibt keine sündlose Menschen. Aber Jesus, der Sohn Gottes, ist für uns gestorben. Ihn, den Sündlosen, hat man für unsere Sünden erschlagen. Er ist aber auferstanden. Darum kann er jedem, der sich zu ihm wendet, vergeben. Glaub das, Richard, und dein Herz wird mit Ruhe und Frieden erfüllt!”

“Demnach soll ich im Herzen Ruhe und Frieden haben, während irgendwo ein Mädchen todunglücklich vor sich hin weint!”

“Aber was willst du sonst machen? Die Sünde hat viele Menschenleben zerstört. Sind denn nach dem Krieg wenig Behinderte zurückgeblieben? Oder, ist ein Alkoholiker kein Leidender? Oder ein Drogensüchtiger?… Ohne Gott leiden alle! Hast du etwa die elf Jahre hinter Gittern nicht gelitten?”

“Ich bin ein Mann. Darüber hinaus habe ich für den eigenen Mist die Jahre geschoben. Sie aber ist ein Mädchen, wofür leidet sie?”

“Richard, glaube dem Wort Gottes. Es ist nicht möglich, von der Sünde und ihren Folgen ohne Jesus Christus frei zu werden. Nur das Blut Jesu Christi macht uns frei von aller Schuld. Komm, laß uns beten. Gott vergibt dir. Wenn ein Mensch von der Last der Schuld frei wird, dann kann er auch in seinem Umkreis Liebe und Frieden verbreiten. Wenn du aber unfrei bleibst, kannst du niemandem helfen. Du wirst auch nie etwas gutmachen können! Bete, und Gott vergibt dir. Er ist für unsere Sünden gestorben!..”

“Ich kann es nicht. Ich glaube, daß er mir vergibt, aber ich selbst kann mir nicht vergeben! Das werde ich nie tun können!”

“Richard, laß uns jetzt beten. Sag ihm den Schmerz deines Herzens. Sag ihm alles, was du denkst. Wie einem liebenden Vater. Du bereust es doch, oder? Dann sag es Jesus!”

“Ich habe noch nie gebetet. Ich kann es nicht!..” “Gut, dann bete ich zuerst, danach du.”

Beide knieten nieder. Dima betete offen und ehrlich. Er betete unter Tränen. Richard schwieg. Endlich, nach einer Pause, wandte er sich zum erstenmal in seinem Leben an Gott:

“Gott, ich fange an zu glauben, daß es dich gibt. Schon seit zwei Wochen denke ich daran. Du weißt, wie ich gelebt habe: Schrecklich! Vergib mir, wenn du kannst. Nein, wenn du willst! Wenn ich irgendwie nützlich sein kann… Wenn ich es richtig verstehe, dann muß ich daran glauben, daß du mir vergibst. Ich will gerne daran glauben, wenn ich sehe, daß ich wenigstens etwas wiedergutmachen kann. Schenk es mir zu sehen, um Christi willen, schenke es mir! Du bist ja Gott! Du kannst alles!”, mit diesen Worten beendete Richard sein erstes, etwas holperiges Gebet.

Nachdem sie aufgestanden waren, ging Dima auf Richard zu, drückte ihn und gab ihm einen Kuß.

Lange noch saßen sie am Tisch. Richard war sehr optimistisch.

“Hauptsache, ich finde das Mädchen. Ich werde dann schon alles nur Erdenkliche für sie tun. Ich weiß noch, wo es passierte. Sie wohnt bestimmt in der Nähe. So spät konnte sie damals nur nach Hause unterwegs sein.”

“Richard, was willst du tun, wenn du sie findest?”

“Was heißt hier: “Wenn du sie findest”? Bist du etwa ein ungläubiger Thomas? Glaubst du nicht daran? Wir haben doch gebetet! Wozu war denn das Ganze?”, empörte sich Richard.

“Hast schon recht. Wir finden sie. Gott wird’s geben. Aber, was willst du dann tun?

“Wie ,Was?? Geheilt muß sie werden! Ich fahre sie nach Moskau, ich verkaufe meine Bude, daß ich an Geld komme! Ich fahre sie ins Ausland, wenn nötig. Ich spende ihr meine Augen! Das ist beschlossene Sache! Ich lasse sie sofort transplantieren. Wir haben doch Professor Jelisarof! Wir haben doch ganze Institute, die sich mit Organtransplantationen beschäftigen. Ich glaube daran, verstehst du? Ich glaube, man kann ihr helfen!”

“Sicher, Gott kann alles!” – bestätigte Dima halblaut. Lange entwickelten sie noch einen Vorgehensplan. Sie träumten…

Es dämmerte schon, als Richard seinem Gast einen Schlafplatz bereitete. Dima schlief in seinem Bett, während der Hausherr selbst auf einer Couch Platz nahm. Doch schlafen konnte Richard nicht. Mal schien es ihm, daß er wieder den herzzerreißenden Schrei seines Opfers hörte. Mal glaubte er, Jesus zu sehen, wie er mit einer Berührung seiner Hand dem Mädchen wieder das Augenlicht schenkte. Dann lächelte die Glückliche ihn an… Im nächsten Augenblick aber war es wieder da, das anklagende Gewissen und der eigene Verstand, der gegen ein mögliches Wunder rebellierte.

Tränen standen ihm in den Augen… Sein leises Flüstern ließ Worte des Betens wahrnehmen:

“Ach Herr, vergib mir Taugenichts. Was für ein niederträchtiger Mensch bin ich doch!.. Welch ein Leid habe ich ihr zugefügt.. Wozu lebe ich eigentlich noch? Ein Taugenichts…”

Nach einem kurzen Frühstück eilten unsere Freunde zu der verhängnisvollen Stelle. Das Viertel war kaum noch zu erkennen, so viel hatte sich in den letzten Jahren verändert. Auf beiden Seiten der asphaltierten Straße standen neue Hochhäuser. Der ehemalige Landweg hatte sich in eine Straße mit Bürgersteig und Ampeln verwandelt. Trotzdem gelang es Richard, die Stelle, wo das Verbrechen begangen worden war, einigermaßen zu bestimmen.

“Hier, denke ich, war es. Dort ist die Haltestelle. Wir kamen von dort her. Siehst du die Hecke hinter dem Haus da? Sie stieg aus dem Bus und eilte zu den Häusern. Damals war hier vor uns noch alles frei. Hier, in diesen Häusern, muß sie leben…

“Richard, wahrscheinlich wollte sie zu einem der Häuser, das jetzt mitten in der Siedlung steht”, versuchte Dima ihn in seinen Überlegungen zu unterstützen.

Sie begannen zu suchen. Die Aufgabe erwies sich aber als wesentlich schwieriger, als sie vermutet hatten. Es fehlten den Männern såmtliche Anhaltspunkte, nach denen sie vorgehen konnten. So wußten sie weder den Namen, noch das Alter! Sie konnten nicht einmal etwas über ihren jetzigen Gesundheitszustand sagen, Ihre einzige Hoffnung war, daß das Mädchen nicht völlig erblindet war. So fragten sie nach einer blinden Frau! nach einer Frau mit einer Wunde im Gesicht, doch alles blieb ohne Erfolg.

Sie kehrten zurück, als es schon dunkel wurde. Dima ermutigte seinen neuen Freund im Vertrauen auf Gott, betete und machte sich auf den Heimweg, um wenigstens am nächsten Morgen wieder zuhause zu sein.

Früh machte sich Richard wieder auf die Suche. Er befragte die Einwohner nacheinander. Besonders verletzend empfand er die Empörung einiger darüber, daß sie schon wiederholt nach einer blinden Frau gefragt wurden.

“Habe ich es gestern nicht deutlich genug gesagt? Was wollen Sie noch von mir?!..”

Nach zwei Tagen ergebnislosen Suchens entschloß er sich, das ganze Viertel, vom ersten bis zum letzten Haus, zu durchforsten. Endlich, nach einer ganzen Woche, nannte man ihm eine Wohnung, in der eine junge Frau mit einer langen Schramme im Gesicht wohnen sollte. Die nächsten drei Abende wartete Richard darauf, daß die Betroffene endlich raus kommt.

Am vierten Tag war Richard gleich nach der Arbeit wieder dort. Er hatte bereits die Kinder kennengelernt, die dort spielten. Bis zur Erschöpfung wartete er in der Hoffnung, daß die Frau jeden Augenblick kommen würde. Ab und zu zeigte sich eine Silhouette, aber nie war es die Richtige. Zeitweise ließ er sich von der Geschäftigkeit ablenken, die im Hof des Hauses herrschte. Auf dem Sportplatz spielten einige junge Männer Volleyball. Richard sah ihnen lange zu. Das Spiel zog seine Aufmerksamkeit so auf sich, daß er nicht merkte, wie in einem Spielhäuschen, ihm gegenüber, eine Frau mit dunkler Brille Platz nahm. Neben ihr lag auf der Bank ein Blindenstock. “Das ist sie! Und wie jung sie noch ist, kaum über zwanzig!.. Sicher ist sie das! Und wie schlicht sie angezogen ist: ein leichtes Sommerkleid. Das lange, dunkelbraune Haar fällt leicht auf ihre Schultern. Das Mädchen war so plötzlich da, daß Richard sogar erschrak. Wie war das möglich? Drei Abende hatte er darauf gewartet, sie endlich zu sehen, und jetzt, wo sie da war, erschien es ihm so unglaublich zu sein. Richard bewegte sich nicht. Es war, als hätte er Angst, daß sie seine Gegenwart wahrnehmen könnte. Einige Minuten saß er mit gesenktem Kopf. Sollte er ihr ins Gesicht schauen? Dieser Gedanke tat ihm weh. Wie war sie eigentlich? Wie sehr hatte die Wunde ihr Gesicht verunstaltet? Hatte sie wenigstens ein bißchen von ihrer Sehkraft behalten?

Auf alle diese Fragen, die ihn seit Tagen umhertrieben, konnte er jetzt eine Antwort bekommen. Er mußte ihr nur ins Gesicht schauen. Und das konnte er nicht!.. Sollte sie es tun, würde wahrscheinlich etwas Schreckliches geschehen!.. Es schien ihm, sollte er ihr ins Gesicht sehen, so würde sich das grausame Ereignis wiederholen.

Die Augenblicke der Nacht vor fünf Jahren wurden in seiner Erinnerung lebendiger denn je! In seinen Ohren erklang wieder der Schrei, den er nie vergessen würde! Er sah wieder das Glitzern der Rasierklinge, die auf dem Gesicht dieser zierlichen Frau ihre verunstaltende Spur hinterließ. Aber, wie viel schlimmer waren wohl die Spuren, die in ihrem Herzen hinterlassen worden waren?!

Richard glaubte zu sehen, wie sie, blutüberströmt und mit den Händen das Gesicht haltend, langsam einem Zug entgegengeht. So, wie Anna Karenina es tat. Dann läßt sie sich auf die kalten Schienen fallen. Im selben Augenblick stürzt sich ein gigantischer Berg von Eisen mit ohrenbetäubendem Krachen über sie, bedeckt sie und zerreißt ihren jungen Körper in tausend kleine Stücke…

Das Bild verschwand, und Richard sah sich wieder auf dem Hof eines ihm fremden Hauses. Nur das Herz raste wild in seiner Brust. Das Bewußtsein der Schuld erdrückte die Gedanken. So saß er noch einige Minuten da. Langsam kam er wieder zu sich, zur Realität. Dann hob er seinen Blick und sah auf das Mädchen neben ihm. So etwa hatte er sie sich vorgestellt, seit er den inneren Frieden verloren hatte. Sie hatte hübsche Hände, ein angenehmes, schönes Gesicht. Alles sprach für ihre Jugend, ihre Schönheit. Nur diese dunkle Brille war wie ein Spiegel ihrer Seele. Auf ihrem Gesicht war keine Narbe zu sehen. Nur beim genauen Hinschauen konnte man eine feine Spur vom linken Auge zum Ohrläppchen erkennen. Diese Spur verunstaltete ihr Gesicht nicht. Sie wirkte eher natürlich, wie eine feine Runzel. Man konnte nur erahnen, daß diese Runzel hinter der dunklen Brille eine Tragödie verbarg. Möglicherweise führte sie zur völligen Erblindung. Deswegen konnte man sich nur vorstellen, was sich hinter den dunklen Gläsern der Brille wirklich tat…

Bei diesem Gedanken blieb in seinem Hals ein Kloß stecken, Seine Gesichtszüge verkrampften sich, die Augen füllten sich mit Tränen.

Wieder zogen an seinen inneren Augen Erinnerungen vorbei: der schreckliche Schrei, das blutüberströmte Gesicht. Richard stützte seine Ellenbogen auf die Knie, faßte seinen Kopf mit beiden Händen und saß ohne Bewegung da. Noch immer hatte er nicht den Mut, ein Gespräch anzufangen. Er machte einige Bewegungen, um auf sich aufmerksam zu machen. Irgendwas mußte er sagen, aber was denn? Er fand einfach keine Worte. Er räusperte sich, machte wieder einige Bewegungen. Dabei kam er an den Blindenstock, der neben ihm lag.

Bei der Berührung fiel dieser auf den Boden. “Entschuldigung”, sagte er und bückte sich nach dem Gegenstand.

“Macht nichts, ist ne’ Kleinigkeit”, antwortete sie. Ihre Stimme war angenehm und hell.

“Wohnen Sie hier? Gestern und vorgestern habe ich Sie nicht gesehen?”, Richard bemühte sich, das Gespräch aufrechtzuerhalten.

“Ja, ich wohne hier. Und Sie, sind Sie hier neu?” “Ich… Ich… Wie soll ich’s sagen, ich bin letzten Monat hierhergezogen.’

“Von weitem?” “Ja… übrigens, ich heiße Richard, und Sie?” “Larisa.”

“Ein schöner Name ist das, Larisa. Klingt ganz wunderbar, Wissen Sie auch, wie er übersetzt wird?

“Nein. Mich hat das nie interessiert.”

“Larisa”, kommt aus dem Griechischen und bedeutet “Möwe”. Ist das nicht schön? Larisa – Möwe!”

Die jungen Leute vertieften sich bald in ein Gespräch. Es war einfach, natürlich und ohne Zwang. Plötzlich wurde das Mädchen ernst und fragte ihn:

“Wie alt sind Sie?” “Zweiunddreißig” “Oh, dann haben Sie bestimmt schon drei Kinder…” “Nein, ich habe keine Kinder. Ich bin alleinstehend.” “Sind Sie geschieden?”

“Nein. Ich war noch nie verheiratet.” Über Larisas Gesicht flog ein Lächeln. Offensichtlich glaubte sie ihm nicht.

“Ich glaube, alle Männer sind Junggesellen, sobald sie aus den Augen ihrer Frauen verschwunden sind.”

“Warum denken Sie so über mich. Ich war wirklich noch nie verheiratet.

“Und was hat Sie daran gehindert?”

“Ich hatte keine Zeit dafür.”

“Haben Sie studiert?”

“Hm… Elf Jahre habe ich studiert. Meine Universität? Ach, was soll’s. Lassen wir es. Erzählen Sie doch lieber etwas über sich!”

Larisa wurde plötzlich ganz bleich. Ihr Gesicht drückte ein tiefes Leiden aus.

“Was soll ich noch von mir erzählen, außer dem, was Sie sehen können?”

“Sind Sie verheiratet?”

“Wer braucht denn schon eine blinde Frau?”, flüsterte sie zurück.

Wie ein Messerstich gingen die letzten Worte Richard durchs Herz. Ihm wurde bewußt, daß das Gespräch nicht mehr so angenehm war, und versuchte schnell das Thema zu wechseln.

“Warum sagen Sie sowas? Jeder Mensch hat doch eine Seele. Glauben Sie daran?”

“Ich weiß es nicht. In der Schule hat man uns darüber nichts gelehrt. Darüberhinaus: wenn man annimmt, daß es eine Seele gibt, dann muß es ja auch einen…”

“Möchten Sie sagen ,einen Gott? Warum sollte man diesen Gedanken nicht zulassen? Ich habe erst vor kurzem angefangen zu glauben.”

“Und Sie?..” Larisa entrüstete sich:

“Nein, ich glaube nicht! Wo ist dieser gerechte Gott, wenn auf der Welt sowas geschieht? Warum ist es mit mir so passiert? Bin ich etwa schlimmer als die anderen? Ich war bestimmt nicht die Letzte warum muß ich dieses Elend auslöffeln? Ich habe gut gelernt, habe bescheiden und ehrlich gelebt, habe davon geträumt, Ärztin zu werden, und jetzt… sagen Sie, es gibt einen Gott, Richard!…”

Offensichtlich hatte Richard auch mit dem Thema “Gott” keinen Erfolg. Larisa biß sich auf die Lippen, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich.

“Entschuldigung, Larisa, ich wollte Sie nicht verletzen…”

So begann ihre Bekanntschaft. Zu Hause angekommen, konnte Richard lange nicht einschlafen. Immer wieder sah er sie vor sich, ihr schönes Gesicht, ihre hübschen Hände, ihre so angenehme Stimme, ihr zerbrochenes Herz… So ist sie also, diese Larisa! Einige Zeit später fragte er sie, scheinbar völlig beiläufig, wie oft sie denn hierher käme.

“Jeden Tag,”, antwortete sie – “nur in den letzten Tagen war ich nicht ganz drauf. Da bin ich daheim geblieben. Aber sonst bin ich immer da, abends.”

Am nächsten Tag war Richard wieder in dem kleinen Spielhäuschen. Bald kam auch Larisa. Sie sprachen bereits miteinander wie alte Freunde. Er erzählte ihr aus seinem Leben, von den Gefängnissen, von seiner kaputten Vergangenheit, den Transporten aus einem Gefängnis ins andere, von seinen Freunden, von seiner bereits verstorbenen Mutter, von Dima.

“Die Begegnung mit ihm hat mein Leben grundsätzlich verändert?”, sagte er, “mit der Vergangenheit ist bei mir abgeschlossen! Ich habe ganz neu angefangen! Es folgten noch viele gemeinsame Abende. Richard stellte fest, daß er an Larisa gebunden war. Ohne sie konnte er keinen Abend mehr bleiben. Ohne sie fand er keine Ruhe, alles fiel ihm aus den Händen. Es war die große Liebe, auch wenn sie sehr spät zu ihm gekommen war. Zwei Monate waren seit ihrer ersten Begegnung vergangen. Schon lange hatten sie einander das “Du’ angeboten. Eines Tages sagte sie begeistert:

“Richard, ich habe den Eindruck, daß wir uns schon ewig kennen. Oft denke ich, daß ich deine Stimme schon mal gehört habe. Weißt du, die klingt bei dir wie bei Wysotzki!’

Richard trafen diese Worte mit voller Wucht. Ein stechender Schmerz ging durch seine Brust.

“Ja, die Welt ist klein…”, flüsterte er, wobei er sein Gesicht von ihr wegdrehte.

Es vergingen wieder einige Abende. Bei einem ihrer nächsten Treffen fragte Larisa ihren neuen Bekannten ganz unverblümt:
“Richard, warum kommst du immer hierher? Du hast doch bestimmt einen Grund, oder? Erwartest du etwas?”

“Stimmt, ich komme nicht einfach so her,”, gab er zur Antwort. Schon lange wollte er dieses Gespräch anfangen, doch hatte er nie den Mut dazu gehabt. In diesen Sachen war er wie ein Teenager. Jetzt schien der Augenblick gekommen zu sein!

“Ich komme nicht ohne Grund. Ich wollte es dir schon lange gesagt haben, Larisa. Ich würde dich gerne heiraten… Ich habe dich lieb… Ich habe dich ganz doll lieb!… ”

Das Mädchen wurde knallrot. Aber diese Röte war nicht die, die in solchen Momenten aufkommt. Das war der pure Zorn.

“Du lügst! Ich glaube dir nicht! Was habe ich dir getan, Richard?”

“Larisa, was sagst du da? Du glaubst mir nicht???”

“Nein! Behinderte werden nicht geliebt! Sie kann man im besten Fall bedauern, aber lieben?.. Nein! Es gibt zu viele hübsche Mädchen, als daß jemand so einen Krüppel liebhaben sollte, wie ich es bin… Und zweitens: wenn sich schon jemand in mich verlieben könnte, so könnte ich es nie! Damals, als ich siebzehn war und meine Augen verlor, war der letzte Mensch, den ich gesehen habe, ein Mann. Das war ein Tier, ein Drache war das! Alle Männer sind jetzt für mich so, wie der war. Alle wollt ihr von uns immer nur das eine haben!..”

“Larisa, Schatz, warum sprichst du so?”

“Richard, was willst du wirklich von mir? Sag mir bitte die Wahrheit!”

“Ich hab dir die Wahrheit gesagt: ich liebe dich.”

“Das kann ich nicht glauben!”

Unterbrach sie ihn in seinem Bekenntnis. Ohne sich zu verabschieden, stand sie auf und ging entschlossenen Schrittes nach Hause.

“Es ist vorbei!.. Alles ist aus!”, dachte Richard, als er ihr hinterherschaute. Aber am nächsten Abend waren sie wieder beide auf ihrem Stammplatz. So, als wäre nichts gewesen. Und danach wieder und wieder… Seine Gefühle versteckte Richard tief in seinem Innern, darüber sprach er nicht mehr.

So verstrichen Wochen und Monate. Der Sommer verging, und es kam die Zeit des regnerischen Herbstes. Die Abende wurden immer kürzer. Auch die Treffen der jungen Leute wurden mit ihnen kürzer. Aber diese kurzen Abende brauchten sie. Sie redeten miteinander über alles. Nur über zwei Dinge, die eigentlich die wichtigsten für beide waren, sprachen sie nicht. Das war die Frage nach Gott und die Frage der möglichen Heirat. Richard mied diese Themen, da er befürchtete, seine Geliebte wieder zu verletzen. Und trotzdem war in ihren Gesprächen sehr deutlich zu merken, daß er sein Leben bewußt in die Hände Gottes abgegeben hatte und daß er sie, Larisa, über alles liebte. Sie wußte darüber Bescheid, und nach und nach wurde ihr zerbrochenes und hart gewordenes Herz von seiner Liebe und Zuwendung erweicht. Sie merkte tief in sich Empfindungen für Richard aufkommen. Er fehlte ihr. Die Begegnung mit ihm erwartete sie bereits vom frühen Morgen an, und kam es vor, daß er einmal nicht erschien, so wurde der Abend zur Qual.

Diese Veränderung konnte Richard nicht gleich feststellen. Als er sie aber bemerkte, war er höchst begeistert, obwohl er nicht den Mut hatte, die Sache anzusprechen. Er wollte ganz sicher gehen, daß sie ihn nicht ablehnte, daß sie ihn wirklich liebte. Eines Abends kündigte er ihr an, daß er am nächsten Tag nicht kommen würde. Zuerst schien er auf ihrem Gesicht eine Enttäuschung beobachten zu können. Ihre Stimme wurde leiser, ihre Heiterkeit verflog in einem Nu. Diese Beobachtung wühlte seine Gefühle aufs neue auf, und ab jetzt versuchte er bei jeder Gelegenheit, ihr seine Empfindungen nahezulegen. Eines Abends war er unterwegs zu dem bekannten Häuschen. Larisa war schon dort. Er verlangsamte seinen Schritt, um sie aus einiger Entfernung zu beobachten. Sie erwartete ihn offensichtlich und achtete auf jedes Geräusch, die Schritte der Vorbeigehenden. Aus dem nahegelegenen Haus kam ein Junge. Es war ihr Nachbar, ein echter Wildfang.

“Wadik, Wadik, komm doch mal her zu mir!”, rief ihn Larisa herbei.

“He?”

“Guck doch mal, ob du vielleicht Onkel Richard kommen siehst.” “Der Geliebte von dir, der?” Ihr Gesicht wurde knallrot. Leise sagte sie:

“Ja…”

“Nee, ich kann ihn nicht sehen. Wahrscheinlich kommt er heute nicht.”

Larisa senkte den Kopf. Im selben Augenblick kam Richard aus seinem Versteck und ging auf sie zu. An diesem Abend fand zwischen den beiden ein ernstes Gespräch statt, das ihren weiteren Lebenslauf entscheidend bestimmen sollte, Als Antwort auf seine Liebeserklärung erwiderte sie kurz zurück: “Ich glaube dir, Richard. Ich bin einverstanden.”

Am nächsten Samstag gingen sie zum Standesamt, um das Aufgebot zu bestellen. Larisa war dafür, daß er sofort zu ihr in die Wohnung ziehen sollte. Ihre Mutter, bei der sie wohnte, könnte in die Wohnung zu ihrem Bruder ziehen. Richard aber wandte ein:
“Nein, nein, meine Möwe, laß uns alles der Reihe nach machen… Zuerst besorgen wir uns die Trauringe. Das erledigen wir gleich morgen. Danach bereiten wir die Hochzeit vor. Du hast doch schon immer von einer Hochzeit geträumt, oder?”

“Stimmt schon, ich habe davon geträumt. Aber ich habe nicht gedacht, daß das jetzt auch noch möglich wäre.”

“Warum denn nicht?”, dabei lachte er von Herzen. Larisa war glücklich und zufrieden.

“Jetzt brauchst du ein vernünftiges Hochzeitskleid. Einen Schleier. Und ich brauche einen anständigen Anzug. Weißt du, wir werden im Heiratspalast mit allem Drum und Dran heiraten!”

Larisa war hell begeistert. “Ist das wahr, Richard?”

“Aber sicher doch, mein Schatz!”

Es bereitete ihm das reine Vergnügen, sie glücklich und froh zu sehen. Wenn sie lächelte, war sie besonders schön, und Richard hatte den Eindruck, durch die dunklen Gläser der Brille ihre leuchtenden Augen zu sehen. Aber das schien ihm nur so…
Er wußte, daß es hinter diesen dunklen Gläsern keine Augen mehr gab. Er wußte, was sein gottloses Tun angerichtet hatte, und hatte Angst, irgendwann zum ersten Mal diese Wahrheit zu sehen.

Der langersehnte Samstag brach an. Zum geschmückten Aufgang des Heiratspalastes fuhr ein ebenfalls geschmückter “Lada” vor. Am Steuer saß Dima, der beste und bislang einzige Freund Richards. Er sollte Trauzeuge sein. Die Braut sah in ihrem weißen Kleid hinreißend aus. Nur die dunkle Brille vermittelte etwas Unechtes. Geführt wurde sie, auf der einen Seite, von unserem Helden, der sich einen schwarzen Anzug besorgt hatte, auf der anderen begleitete sie ihre frühere Schulfreundin, mit der sie seit der ersten Klasse verbunden war. Anwesend waren auch einige Verwandte, ein paar Bekannte und Nachbarn. Es war eine kleine Hochzeitsgesellschaft. Zum allgemeinen Erstaunen gab es auf den Tischen keine alkoholischen Getränke, was zum Entsetzen einiger Gäste führte. Grundsätzlich aber nahm man es gelassen auf, so wie man halt eine ungewöhnliche Macke des Gastgebers aufnimmt. Dabei hatte Richard in den Einladungen darauf hingewiesen. Einige Gäste hatten diese Ankündigung für Grund genug gehalten, nicht zu kommen. Einige hielten es für einen Scherz. Mitten in der Feier stand Richard auf und wandte sich an seine Gäste:

“Meine Freunde, ich möchte euch gerne erklären, warum wir auf den Tischen keinen Alkohol stehen haben. Das ist hier keine Hochzeit der Parteijugend. Auch nicht aus Kostengründen verzichten wir darauf. Nein! Ich habe mit dem Zeug endgültig abgerechnet! Es gibt in meinem Leben zu viele schlimme und grausame Dinge, an die ich nicht denken will. Hinter allem war immer dieses Gift, der Alkohol. Ich habe mir geschworen, nie mehr im Leben davon zu trinken! Ich hoffe, ihr versteht mich.”

“Hej, ist das ein Schwiegersohn!”, rief begeistert die Schwiegermutter aus, “wenn ich nur an meinen denke, wie er ständig an der Flasche hing, dann bin ich jetzt noch erschüttert. Ich hab’ ihn so oft verflucht, wegen dieses Rattengiftes!..”

Obwohl dies die allgemeine Zustimmung fand, konnte man von den Gesichtern einiger Gäste ablesen, daß ihnen etwas Wichtiges zu fehlen schien. So verwunderte es niemanden, daß die Gäste nach und nach verschwanden. Noch vor der Dämmerung waren die letzten gegangen. Zum Schluß ging auch Dima, nachdem er dem vermählten Paar ein Geschenk überreicht hatte. Für die beiden jungen Leute begann hiermit das Eheleben…

Bald danach verkaufte Richard das Haus, das ihm von seiner Mutter geblieben war. Auch einige Habseligkeiten wurden in Bares verwandelt. So hatten sie etwas Geld locker, doch an eine Wiederherstellung der Sehkraft für Larisa war nicht zu denken. Eine Transplantation kam auch nicht in Frage. Das Geld ist halt nicht allmächtig, und die Menschen sind keine Götter. Dieser Umstand konnte Richard allerdings nicht erschüttern. Seine größte Hoffnung legte er in die geistliche Sehkraft seiner Frau. Darum betete er. Allerdings wollte er sie nicht bedrängen und versuchte daher, sie mit seinem Leben zu überzeugen. Die Liebe zu seiner Frau brannte in seinem Herzen. So konnte er ohne besonderes Bemühen, ohne viele Worte, ihr die Botschaft von Jesus erzählen. Sein Umgang mit ihr war geprägt von einer tiefen Zärtlichkeit. Er war bereit, im Haushalt viele Aufgaben zu übernehmen: das Wäschewaschen, Bügeln, Aufräumen und anderes. Doch war Larisa mit diesen Arbeiten meistens fertig, wenn er abends von der Arbeit kam.
Sonntags ging Richard in den Gottesdienst. Er ging allein, wobei Larisa ihn stets liebevoll verabschiedete. Am Gemeindeleben nahm Richard keinen Anteil. Er war auch noch nicht Mitglied dieser Gemeinde geworden. Er gehörte lediglich zu ihrem Freundeskreis.
Ein tragischer Zwischenfall machte ihm aber deutlich, daß Gott ihn in seinen Dienst rief.

Eines Sonntags war Richard unterwegs zum Gottesdienstgebäude. Es ging auf den Abend zu. Die Hitze des Tages legte sich, ein leiser Wind kühlte die Luft ab. Richard ging seinen Gedanken über das Leben nach. Er war glücklich. Glücklich war auch seine Frau. Sie ist ein Schatz! Sie hat einen wunderbaren Charakter! Und schön ist sie, die Schönheit selbst! So ist es immer: man muß nur eine Frau glücklich machen, und schon blüht sie auf, alles Schöne und Wertvolle in ihr kommt zum Vorschein. Sie ist wie ein wunderschöner Garten im Frühling! Was kann das Gesicht einer Frau schöner werden lassen, als ein Lächeln?.. Nur, diese dunklen Brillengläser… Er ging über den Hof eines fünfstöckigen Hauses. Es herrschte die für diese Zeit rege Geschäftigkeit mit dem dazugehörenden Lärm. Mitten in diesem Durcheinander hörte er plötzlich seinen Namen. Richard sah sich um. Er erkannte einen früheren Bekannten, der in der ganzen Siedlung als Alkoholiker unter dem sonderbaren Namen “Durchsichtiger” bekannt war. Nein, sie waren nie befreundet. Gearbeitet hatten sie mal zusammen, etwa vor acht Jahren, auf dem Bau. Schon damals hatte man ihm diesen Beinamen verpaßt. Und schon damals war er einer von denen, die häufig und viel tranken. Er hatte eine Familie, Frau und Kinder. Doch das konnte ihn nicht davon abhalten, zu trinken, soviel irgend erreichbar war. Das hatte ihn zugrundegerichtet. Total. Jetzt, an diesem Abend, lief er über den Hof und brüllte wie ein Hysterischer, ohne auf seine Umgebung Rücksicht zu nehmen:
“Richard, Richard, nimm mich mit! Richard, nimm mich mit, ich weiß, wo du hingehst. Ich habe alles durchgebracht, zu Hause ist nichts mehr da. Meine Frau haut vor mir ab, die Kinder verstecken sich vor mir unter den Betten. Richard, nimm mich bitte mit! Ich will nicht mehr so weiter leben. Wir haben doch zusammen angefangen! Du bist jetzt Mensch geworden, ich will es auch werden. Bitte, nimm mich mit!..”

Richard ging schnell auf den “Durchsichtigen” zu. Er war wie immer betrunken. Man konnte ihn aber nicht ohne Erbarmen anschauen. Sein Geschrei verwandelte sich in Schluchzen, die Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Sein Äußeres war entsetzlich: unrasiert, offensichtlich seit Wochen nicht mehr gewaschen, dünn, dürr, er wirkte höchst abstoßend.

“Was schreist du rum? Beruhige dich erst mal!”

“Nimm mich mit, Richard, um aller Heiligen willen, nimm mich mit!”, wiederholte der Betrunkene immer wieder.

“Beruhige dich endlich, hör doch mal auf damit! Wo willst du in deinem Zustand hin? Schon wieder hast dich vollaufen lassen! Geh, schlaf dich aus. Dann können wir miteinander reden. Wo willst du denn hin?..”

“Richard, Hauptsache, du nimmst mich mit!”

“Ja, wie soll ich dich denn mitnehmen? Das ist doch ein Gottesdiensthaus! Dort sind heilige Menschen! Da nimmt keiner auch nur einen Tropfen Alkohol in den Mund! Da sind lauter ehrliche Leute! Du bist doch randvoll! Was willst du dort machen?”, versuchte der junge Christ den Betrunkenen loszuwerden.

“Sicherlich, ich könnte ihn auch mitnehmen. Aber, wahrscheinlich kommen seine Tränen mehr vom Alkohol, als von Herzen. Der schläft sich aus und hat alles vergessen!..”, dachte Richard.

Der “Durchsichtige” gab es aber nicht auf, ihn anzuflehen: “Richard, nimm mich bitte mit!”

“Ein anderes Mal!”, wehrte Richard ab und ging entschieden weiter. Unterwegs konnte er die Gedanken an den zerstörten Mann nicht loslassen. Zu bedauern war er! “Ich muß ihn in den nächsten Tagen unbedingt besuchen!..”

Es war ein schöner Gottesdienst. Auf dem Heimweg fühlte sich Richard sehr glücklich, denn Jesus war in sein Leben eingezogen und hatte ihn von seinem vorigen Lebensstil ganz befreit. Wieder kam ihm der “Durchsichtige” in den Sinn. Sein hysterisches Schreien, seine Tränen. In seinem Herzen machte sich eine eigenartige Unruhe breit…

Als er um die Ecke bog, ging er auf das Haus zu, wo er vor drei Stunden den betrunkenen Mann hatte stehen lassen. Aber was war das denn? Vor dem Haus hatte sich eine Menschenmenge versammelt, und ein Milizwagen stand vor der Tür. Richards Herz schlug plötzlich ganz wild. Er ahnte etwas Schlimmes…

“Was ist hier los?” – fragte er. Eine Frau, mittleren Alters, antwortete ihm aus der Menge:

“Ach, ein Trunkenbold hat sich erhängt. Der “Durchsichtige’, vielleicht kennst du ihn.”

Richards Herz raste. Sein Hals trocknete aus. Seine Brust durchzog ein bitterer Schmerz. Fast flüsternd fragte er:

“Schon lange?

“Man hat ihn vor einer halben Stunde gefunden. Der Krankenwagen ist eben unverrichteter Dinge weggefahren. Die Miliz holt ihn jetzt…”

Richard schob schnell die Neugierigen zur Seite und eilte in die zweite Etage, wo der “Durchsichtige” lebte. In der Wohnung sah er ihn dann auf dem Boden liegen. Er sah schrecklich aus: das Gesicht des Toten war dunkel angelaufen, die Zunge hing aus dem Mund… Seine Frau und seine Zwei Kinder standen dabei, bitter weinend. Die Miliz bemühte sich, die Neugierigen herauszudrängen, um die erforderlichen Formalitäten zu erledigen. Richard flüsterte vor sich hin:

“Vergib mir, Durchsichtiger! Oh Gott, vergib mir!”

Vor seinen Augen verlor alles seine Form, als ob jemand mit unsichtbarer Hand die Bildschärfe am Fernsehgerät verstellt hätte. Ein Schmerz erfüllte sein Herz. Der Boden schwankte unter seinen Füßen, als sei er selbst betrunken geworden. Er ging weg von diesem Platz des unbeschreiblichen Elends. Schluchzen bemächtigte sich seiner.

“Vergib, Durchsichtiger, vergib!…”

Dieser tragische Fall bewirkte in seinem Inneren und in seinem Leben eine unabsehbare Veränderung. Seine Gegenwart lernte er ganz neu schätzen. Ganz anders sah er ab jetzt die anderen Menschen, seine Umwelt. Er begriff plötzlich die Hauptaufgabe, die Gott allen Christen stellt: er wurde sehend für das vielschichtige Leid der Menschen. Das Einzige, was Menschen zu helfen vermag, ist das Blut Jesu Christi und unsere Verkündigung der Liebe Gottes!

Seit dieser Erfahrung ließ er keine Gelegenheit aus, mit Menschen über Jesus zu reden. Überall: auf der Arbeit, unterwegs, beim Besuch, bei Begegnungen und bei Verabschiedungen, sein Lieblingsthema war die Liebe Gottes!

Nur zu Hause sprach er darüber nicht viel. Hier war er eher wortkarg. Dafür aber sprach sein Leben deutlicher als tausend Worte. Seine Liebe und Zärtlichkeit, seine Bemühungen um Larisa..

Richard hatte einen ehemaligen Freund, Viktor Schachov, in der Siedlung als Schach bekannt. Seinerzeit waren sie sehr eng befreundet gewesen. Was auch seinen Grund hatte. Sie hatten zusammen etwas ausgefressen, wurden erwischt. Richard hatte damals die Sache auf sich genommen und wurde eingelocht. Dies bewirkte eine fast kindliche Abhängigkeit Schach’s von ihm. Die vier Jahre über, die Richard wegen der Sache schieben mußte, bemühte er sich, wo er nur konnte, Richard alles zukommen zu lassen, was dieser sich wünschte: Tee, Geld, Lebensmittel und Bekleidung. Er half auch seiner alten Mutter. Nach der Entlassung seines , “Retters?” war Schach weiter darum bemüht, seinem Freund zu helfen. Die Veränderungen, die Richard erlebt hatte, nahm er als etwas Notwendiges an. Wenn Richard es so beschlossen hatte, dann mußte es wohl so sein! Hochzeit ohne Wodka, auch gut, wenn Richard es so haben wollte!

An einem Samstag besuchte Richard seinen alten Kumpel. Lange erzählten sie einander von ihren Erfahrungen, erinnerten sich an die gemeinsamen “Heldentaten”. Die Hauswirtin, Lida, sorgte für einen reich gedeckten Tisch, wobei sie nicht aus dem Staunen herauskam, daß Richard das Trinken gelassen hatte.

“Vielleicht kannst du auch den Viktor bekehren, daß er dieses scheußliche Zeug aufgibt! Was ist das denn für ein Leben? Ist er mal nüchtern, so wütet er rum, wie ein Idiot. Und wenn er betrunken ist, wird es ganz schlimm: dann kann er alles anstellen. Nichts und keiner ist vor ihm sicher! Er schlägt zu, schimpft, macht uns das Leben zur Hölle!.. Im Grunde ist er ganz in Ordnung, er ist Gold wert, wenn nicht dieser verfluchte Schnaps…!”

Richard merkte, daß das der beste Augenblick war, den beiden das Wichtigste zu sagen.

“Ja, das Trinken ist ein ganz großes Übel. Ich weiß das nicht vom Hörensagen, sondern habe es selbst erfahren. Eigentlich wollte ich euch erzählen, wie ich ein neues Leben angefangen habe.”

Lange erzählte der Christ die Geschichte seines Glücks, angefangen bei dem Tage, als er zum ersten Mal von Jesus gehört hatte. Das war im Zug von Moskau nach Odessa gewesen. Er erzählte von Dima, seiner Suche und den Entdeckungen, den schlaflosen Nächten und frohmachenden Erfahrungen. Er erzählte ihnen von der Gemeinde, die er liebte, von den neuen Freunden, von allem, was sein Herz erfüllte. Er erzählte von seiner Familie und, vor allen Dingen, von der Liebe Gottes. Er wies sie auf Jesus Christus hin. Beide hörten aufmerksam und gespannt zu. Bei der Verabschiedung lud Richard seine Freunde für den nächsten Tag zum Gottesdienst ein. Und tatsächlich, Viktor erschien am nächsten Morgen im Gotteshaus. Aus irgendwelchen Gründen war seine Frau nicht mitgekommen. Am nächsten Sonntag war er wieder dabei und wieder ohne seine Frau. Danach kam Viktor auch in der Woche zu den Veranstaltungen. Keine ließ er aus. Bald darauf entschied er sich für ein Leben mit Jesus. Richard war darüber außerordentlich froh. Viktor selbst freute sich darüber nicht weniger. Doch diese Freude sollte nicht lange währen.

Einen Monat später war zu hören, daß es bei ihm in der Ehe krisele. Am Sonntag kam er nicht zum Gottesdienst. Auf dem Heimweg ging Richard zu seinem Freund rein. Die Wohnungstür stand weit offen. Es fiel ihm auf, daß alle Sachen durcheinandergeworfen herumlagen. Das Bücherregal lag mitten im Zimmer. Die Bücher waren über den Boden verstreut. Der Tisch lag auf der Seite, inmitten von zerschlagenem Geschirr. Alles deutete auf eine schlimme Auseinandersetzung hin. Mitten in diesem Chaos, auf dem Sofa, saß Viktor. Er war völlig zerstört und sagte keinen Ton. Von seiner Frau war nichts zu sehen. Wahrscheinlich war sie weggegangen. Richard setzte sich zu seinem Freund. Viktor sah hoch:

“Ach, du bist es…”

“Was habt ihr denn, Viktor? Wo ist Lida??”

“Sei bloß still mit der!.. Ich hasse sie, diese… Mensch, was sind die Weiber bloß für ein dummes Volk…”, beschwerte sich Viktor.

Richard unterbrach ihn. Er merkte, daß sein Freund noch viel dummes Zeug daher reden würde.

“Beruhige dich erst mal. Hör auf zu schimpfen. Erzähl lieber alles der Reihe nach, aber nicht so hitzig!””

“Was soll ich denn erzählen? – du weißt ja eh alles”, gab Viktor zurück, wobei er sich bemühte, nicht auf Richard zu schauen.

“Erzähl schon, komm.” Schachov schwieg einen Augenblick, dann fing er seine traurige Beichte an:

“Richard, du kennst doch mein Leben. Ich habe vor dir keine Geheimnisse. Du weißt, wie ich früher gelebt habe. Ich habe gesoffen wie ein Kamel. Geschlagen habe ich meine Frau wie einen alten Hund. Nicht nur einmal hat sie meine Faust zu riechen bekommen. Wie hat sie bloß geheult!.. Jetzt habe ich alles aufgegeben, bin Mensch geworden. Nein, ihr gefällt es nicht!”

“Hör auf”, schreit sie, “dich mit den Baptisten abzugeben! Laß die sein! Hättest du lieber weiter getrunken und dich mit anderen Frauen abgegeben…! Mensch, was ist die dumm! So ging es jeden Tag. Was sagst du jetzt?…”

Er schwieg. Richard schwieg auch. Beide gingen ihren trüben Gedanken nach. Irgendwann meldete sich Viktor:

“Wie eine Blechbüchse sieht mein Leben aus, kaputt bis zum Gehtnicht-mehr. Rundum habe ich versagt. Und dabei wollte ich Gott dienen. Warum schweigst du? Sag doch mal was…!”

“Viktor, wie lange lebst du eigentlich mit Lida zusammen?”

“Ganze zwölf Jahre schon. Hast du schon vergessen, wie diese Jahre ausgesehen haben? Trinkerei, Schlägerei, Frauengeschichten… Und das zwölf Jahre lang!

“Sag mal, hat deine Frau in diesen Jahren viel Gutes mit dir erlebt? Hast du ihr vielleicht Blumen geschenkt???”

“Ach woher denn! Außer Schlägen hat sie von mir kaum was anderes bekommen. Wie oft hat sie mich auf dem eigenen Rücken nach Hause geschleppt, wenn ich bis oben hin voll war!.. Aber ich habe mich doch geändert! Das hat sie nicht geschätzt!..”
“Angenommen, du bist jetzt anders. Seit einem Monat. Zwölf Jahre aber warst du wie ein wildes Tier. Gott hat dich sozusagen auf dem Müllhaufen aufgesammelt. Lida hatte dich so geduldet. Jetzt aber bist du nicht in der Lage, ihre Vorhaltungen einen Monat zu ertragen! Gut, sie versteht dich noch nicht, aber ist das denn so verwunderlich? Beweise es doch im Leben! Eigentlich solltest du sie bis zum Tode auf Händen tragen!.. Viktor!..”

Richard schwieg. Nur aus der Küche hörte man unterdrücktes Schluchzen.

“Viktor, denk darüber nach, aber gut solltest du nachdenken!”, sagte Richard und ging fort.

Was danach in der Wohnung geschah, weiß niemand. Nur, am nächsten Sonntag war Viktor mit seiner Frau und den Kindern im Gottesdienst. Einige Zeit darauf tat Lida Buße über ihr bisheriges Leben und vertraute sich dem Herrn an.

Seit diesen Veränderungen war ein halbes Jahr vergangen. Inzwischen war nichts besonderes eingetreten, wenn man davon absieht, daß Larisa sich anschickte, Mutter zu werden. Eines Tages, als Richard sich anschickte, in den Gottesdienst zu gehen, fragte sie ihn völlig unvermittelt:

“Richard, warum nimmst du mich eigentlich nie zum Gottesdienst mit? Wir könnten doch heute zusammen gehen.”

Diese Worte trafen Richard so unerwartet, daß er das Hemd aus den Händen fallen ließ und mit offenem Mund stehen blieb. Als Larisa keine Antwort bekam, fügte sie hinzu:

“Was schweigst du denn? Alles machen wir gemeinsam, aber in den Gottesdienst gehst du immer allein. Mich lädtst du gar nicht ein.”

“Larisa, mein Schatz, wenn ich geahnt hätte, daß du mitgehen möchtest, hätte ich dich sicherlich mitgenommen. Aber, weißt du, als wir befreundet waren…”

“Ich weiß schon,” unterbrach sie ihn, “aber das ist doch schon lange her. Es stimmt, ich glaubte nicht. Aber jetzt, wo ich weiß, wie du warst und wie du jetzt bist, läßt mich der Gedanke nicht los, daß solche Veränderungen nur Gott bewirken kann… Und darüberhinaus habe ich dich lieb. Da möchte ich in allen Dingen mit dir eins sein!… ”

“Larisa, das ist immer mein allergrößter Wunsch gewesen! Vergib, daß ich es dir nie gesagt habe! Komm, laß uns heute zusammen gehen!”

Zum ersten Mal gingen sie gemeinsam in den Gottesdienst. Der erste Gottesdienst gefiel Larisa, und sie ging ab sofort regelmäßig mit. Nicht mehr lange sollte sie in der Dunkelheit bleiben. Mit der Zeit geschah ein Wunder — sie wurde sehend. Nicht mit ihren natürlichen Augen, sondern mit ihren geistlichen. Schon lange beschäftigten sie die Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach den Werten, der Ethik, nach Leben und Tod, aber Antworten hatte sie keine bekommen. Das war Leben in Dunkelheit gewesen. Jetzt aber durchdrang das Licht des Evangeliums ihr Herz. Vieles wurde ihr dabei sichtbar und verständlich. Anstelle vieler Fragen zeichnete sich ein deutliches Bild ab. In diesem Licht verstand sie den Sinn, das Ziel und ihre Fragen. Das Wichtigste aber war, daß sie sich die Frage stellte: “Bin ich errettet?” Als sie dann eines Tages Jesus in ihr Herz aufnahm, wurde ihr Leben von einer ganz großen Freude erfüllt. Dabei freute sich ihr Mann, Richard, nicht weniger als sie selbst.

Die Zeit verging. Zum errechneten Termin wurde ihnen ein Kind geboren. Es war eine Tochter. Damit nahmen die Pflichten zu Hause zu. Es wuchs aber auch die Freude, die eines Tages ganz besonders groß war: als in der Gemeinde die Taufe angeboten wurde, waren beide Ehepartner sofort bereit, auf diese Weise mit ihrem Herrn den Bund zu schließen. Sie stiegen zusammen ins Wasser. Richard führte seine Frau an der Hand. Die morgendliche Stille wurde für einen Augenblick unterbrochen, als Larisa mit lauter Stimme sagte: “Ja, ich glaube!” Danach wurde sie kurz unters Wasser getaucht. Nach ihr wurde Richard getauft, und beide stiegen Hand in Hand aus dem Wasser. Die Freude darüber war nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel ganz groß. Es schien, als ob diese Freude nicht getrübt werden könnte.

Nur Larisa merkte, daß mit ihrem Mann etwas los war. Er war schweigsam und verschlossen geworden. Ihn beschäftigte offensichtlich etwas… Anfänglich war ihr das nicht so bewußt, mit der Zeit aber war sein Zustand nicht mehr zu übersehen. Was war geschehen? Sie konnte sich keinen Reim darauf machen. Eines Tages faßte sie den Mut, ihn zu fragen:

“Richard, ich merke schon lange, daß mit dir etwas los ist. Bist du krank? Fehlt dir etwas?..”

“Ach was,”, lehnte er ab, “es ist schon alles in Ordnung.”

Ihr war dabei nicht entgangen, daß das nicht die Wahrheit war. “Das stimmt nicht, Richard. Du hast mir immer die Wahrheit gesagt. Ich habe dir immer geglaubt und will dir auch jetzt glauben können. Was quält dich? Sag es mir doch!..?

Richard merkte, daß er dem Gespräch nicht mehr ausweichen konnte. Mit bebender Stimme fragte er sie:

“Liebes, wenn du in deinem Leben noch einmal dem Taugenichts begegnen würdest, der dir so viel Leid zugefügt hat, könntest du ihm vergeben?…”

Larisa wurde bei diesen Worten ganz blaß im Gesicht. Wie eine Rasierklinge fuhren sie ihr über die noch nicht verheilten Wunden ihres Herzens.

“Warum tust du mir das an, Schatz? Bitte, um alles in der Welt, sag sowas nie wieder. Ich verkrafte es nicht!”

Das Bewußtsein, daran nichts ändern zu können, preßte seine Brust wie mit einem Stahlgürtel zusammen. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, über seine Vergangenheit mit all ihren Sünden bitterlich zu weinen. Nein, selbst weiterzuleben hatte er keine Lust mehr! “Vergib, Larisa, diese Dummheit”, sagte er leise und verließ den Raum.

Draußen setzte er sich und blieb versunken in seine Überlegungen, die ihm wie höllische Qualen erschienen. Sein Gewissen meldete sich wieder, und eine abgrundtiefe Hoffnungslosigkeit bemächtigte sich seiner. Nichts und niemand war in der Lage, ihm zu helfen. Sollte Larisa jemals erfahrer wer ihr tatsächlich so viel Leid zugefügt hatte, das würde sie buchstäblich erschlagen! Er, Richard, hatte ihr Leben zerstört und spielte seit langer Zeit den barmherzigen Samariter! Die Freude an dem, was er durch Jesus inzwischen erfahren hatte, verschwand. Noch vor kurzem hatte er sich über die Erlösung und Befreiung von der Macht des Bösen gefreut, war glücklich über den Frieden gewesen, den Gott ihm in sein Herz gegeben hatte, und jetzt sowas… Was erwartete ihn noch alles?..
So vergingen drei Tage. Am Abend, vor dem gemeinsamen Gebet, fing Larisa an:

“Richard, ich möchte doch noch einmal darüber reden. Weißt du, vor drei Tagen…”

“Wozu, Larisa? Vergib mir, es war dumm von mir!..”

“Nein, nein! Das war nicht dumm. Gott hat mir damit etwas deutlich gemacht. Ich habe die ganze Zeit darüber nachgedacht, verstehst du? Als ich gläubig wurde, habe ich verstanden, was wirkliches Glück ist. Ich dachte, Gott ist in meinem Herzen und sonst nichts anderes. Aber das Böse hatte ich ganz tief in mir versteckt gehalten. Es hatte sich dort ganz still verkrochen. Aber die bloße Erinnerung an mein Leid hat mich so verletzt, daß ich mich selbst fragte, ob ich wirklich vergeben habe. Ich habe viel darüber gebetet, ich habe bis heute abend gefastet, in der Bibel gelesen und darüber nachgedacht. Mir ist dabei die Liebe Gottes neu aufgegangen. Das, was Gott mir gegeben hat, ist wesentlich mehr als meine Augen. Ich bin errettet. Wir sind Kinder Gottes! Alles andere ist dagegen wertlos! Weißt du, jetzt kann ich dem Menschen vergeben! Gott hat mein Herz mit Liebe und Vergebung erfüllt. Das sind jetzt keine leeren Worte. Ich bin dem Menschen überhaupt nicht mehr böse. Ich könnte ihn sogar segnen! Ich habe ihm vergeben, verstehst du? Gott hat in mir gesiegt!..”

Richard war so aufgeregt, daß er nicht wußte, ob er sich freuen oder weinen sollte. Von seinen Lippen kam ein Ausruf der Freude:

“Danke, Herr Jesus, danke!”

Er nahm seine Frau in die Arme und überschüttete sie mit Zärtlichkeit. Tränen der Freude füllten seine Augen…

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